[Rezension] Washington Black – Esi Edugyan

WERBUNG: Dieses Buch habe ich vom Verlag Eichborn/Lübbe als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen lieben Dank dafür!

Es gibt Bücher, die muss man einfach lesen, weil man sofort eine innere Verbundenheit spürt. Bei denen man genau weiß, dass sie einen stark berühren werden. „Washington Black“ ist genau so ein Buch.

Wahrscheinlich besonders sensibilisiert durch meinen Freund, der selbst schwarz ist, erlebe ich durch ihn alltäglichen Rassismus hautnah. Aufgrund dessen greife ich gehäuft zu Büchern, die ebenjene Thematik aufgreifen, wie bei „Washington Black“:

Die Flucht ist nur der Anfang

Barbados, 1830: Der schwarze Sklavenjunge Washington Black schuftet auf einer Zuckerrohrplantage unter unmenschlichen Bedingungen. Bis er zum Leibdiener Christopher Wildes auserwählt wird, dem Bruder des brutalen Plantagenbesitzers. Christopher ist Erfinder, Entdecker, Naturwissenschaftler – und Gegner der Sklaverei. Das ungleiche Paar entkommt in einem selbst gebauten Luftschiff von der Plantage. Es beginnt eine abenteuerliche Flucht, die die beiden um die halbe Welt führen wird.

Eine Geschichte von Selbstfindung und Verrat, von Liebe und Erlösung. Und eine Geschichte über die Frage: Was bedeutet Freiheit?

(Quelle: Amazon)

Gleich auf den ersten Seiten wird man mit den Lebensumständen eines Sklaven auf einer Baumwollplantage im 19. Jahrhundert konfrontiert, und das schonungslos.

Die Erzählperspektive von Washington als kleinem Jungen schafft es, die Grausamkeit seiner Lebensumstände mit der unschuldigen und zarten Seele eines Kindes zu verbinden. Dadurch erscheinen Washingtons Erlebnisse umso erschreckender. Man erlebt, wie bereits die Kleinsten darauf getrimmt werden, etwa die Mimik und Gestik des Gegenübers zu lesen, um nicht in eine gefährliche Situation zu geraten. Solche anerlernten Verhaltensweisen gibt es leider heute im Zusammenhang mit Rassismus noch oft genug, etwa wenn afroamerikanische Kinder lernen, wie sie sich bei einer Polizeikontrolle verhalten müssen (unglaublich stark beschrieben etwa in The Hate U Give). Gerade solche Szenen empfand ich als besonders ausdrucksvoll beschrieben, auch wenn einige Grausamkeiten, die den Sklaven widerfahren, nur angedeutet werden. Es bleibt so dem Leser überlassen, wie stark er auch zwischen den Zeilen lesen und sich mit der Thematik befassen möchte.

Aufgrund des Covers und des Klappentexts hatte ich mir eher eine Abenteuergeschichte im Sinne von „In 80 Tagen um die Welt“ vorgestellt, bei der natürlich der Wolkenkutter eine entscheidende Rolle spielen würde. So ist es allerdings kein großer Aufbruch zu neuen Ufern voller Vorfreude, die Washingtons Reise beginnen lassen, sondern tragische Umstände. Und diese Ereignisse schweißen ihn mit Titch zusammen, der ihn ebenbürtig zu behandeln scheint und ihm als Lehrmeister fürs Leben dient.

Obwohl die Reise eher unverhofft begonnen hat, so führt sie Washington im Laufe des Buches einmal queer um die Welt und in verschiedenste Zivilisationen. Dabei ist seine  Reise keine reine Abenteuergeschichte. Es ist vielmehr eine Reise zu sich und die Reise, die wir alle im Leben bestreiten, nämlich die zum eigenen Ich.

Washington werden einige Stolpersteine auf dieser Reise in den Weg gelegt. So schlägt er es etwa aus, richtige Freiheit zu finden und über die Railroad Underground zu fliehen. Er trifft stattdessen eine andere Entscheidung und scheint dafür bestraft zu werden. Ihm widerfährt ein Verrat, den ich sowohl als tragisch als auch irgendwie verständlich empfunden habe. Dieser Verrat lässt Washington lange Zeit nicht los und er bleibt dadurch gefangen, unfrei. Die Suche nach Antworten treibt ihn weiter und lässt ihn auch mit der Aussicht auf Glück nicht wirklich zur Ruhe kommen.

Das Buch hat eine stetige, sich langsam entwickelnde Handlung. Für manche passiert hier sicher zu wenig, mir persönlich hat es gut gefallen, da diese Erzählweise einfach hervorragend dazu passt, was die Autorin uns eigentlich sagen will. Nämlich dass die Suche nach einem selbst oft eine zähe Angelegenheit ist, ebenso wie das Ringen um innere und äußere Freiheit. Insofern passt es wirklich gut zu Washingtons Entwicklung.

Gegen Ende scheinen sowohl Washington als auch der Leser eine Antwort auf die quälenden Fragen zu erhalten und dadurch endlich Freiheit zu erlangen. Wie so oft im Leben sind diese Antworten nicht unbedingt die gewünschten, die doch alles Gut werden lassen und die endlich von den heimsuchenden Dämonen und Geistern befreien. Die Konfrontation erlösen dann aber doch durch das eingestehen der eigenen, bereits gewonnenen Erkenntnis, die die Hoffnung final abzulösen scheint. Und als Leser wird man genau dadurch damit konfrontiert – man muss sich mit dem menschlichen, manchmal grausamen und egoistischen Naturell auseinandersetzen. Dazu kommt noch ein offenes Ende, das sicherlich auch unbefriedigt zurücklässt. Ich denke, genau dies ist beabsichtigt. Es gibt kein man bekommt kein rundum Wohlfühl-Happy End. Washington wird weiter um seinen Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen.

Ein Buch, das sich einen Platz in meinem Regal zu Recht erobert hat. Eines, das es in leisen Tönen versteht, kraftvolle Aussagen über das Leben zu treffen. Für mich eines der gelungendsten Bücher 2019.

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s