[Rezension] American Dirt – Jeannine Cummins

Dieses Buch ist seit langem auf meiner Wunschliste, seit es im englischsprachigen Raum angeteasert wurde. Klar, dass solch eine Story auch schnell ein Zuhause bei einem deutschen Verlag findet.

Hier ist der Klappentext für euch:

Der Nummer-1-Bestseller der New York Times-Bestsellerliste: Eine Mutter und ihr Kind auf einer atemlosen Flucht durch ein Land, das von Gewalt und Korruption regiert wird

Gestern besaß sie noch einen wunderbaren Buchladen.
Gestern war sie glücklich mit ihrem Mann, einem Journalisten.
Gestern waren alle, die sie am meisten liebte, noch da.
Heute ist ihr achtjähriger Sohn Luca alles, was ihr noch geblieben ist.
Für ihn bewaffnet sie sich mit einer Machete.
Für ihn springt sie auf den Wagen eines Hochgeschwindigkeitszugs.
Aber findet sie für ihn die Kraft, immer weiter zu rennen? Furchtlos und verzweifelt, erschöpft und jede Sekunde wachsam.

Lydias gesamte Verwandtschaft wird von einem Drogenkartell ermordet. Nur Lydia und ihr kleiner Sohn Luca überleben das Blutbad und fliehen in Richtung Norden.
Sie kämpfen um ihr Leben.

(Quelle: Amazon)

Erst als das Buch bereits weit oben auf meine Wunschliste gewandert war, bekam ich die Diskussionen mit, die in der Buchwelt aufbrandeten. Vielleicht habt ihr diese auch mitbekommen, wobei ich das Gefühl habe, dass dies bisher mehr im amerikanischen Raum diskutiert wurde als bei uns – es geht darum, dass Jeannine Cummins bezogen auf den Buchinhalt keine Own Voices- Autorin darstellt und dadurch vermehrt gefragt wurde – darf sie das?

Ich möchte hier keine große eigene Diskussionsfläche eröffnen, sondern euch kurz erläutern, wieso ich nach einigen Überlegungen das Buch dennoch gekauft und gelesen habe. Natürlich ist es wichtig, dass Autorinnen und Autoren mit den verschiedensten Backgrounds ihre Geschichten veröffentlichen und auch ein breiteres Publikum erhalten. Hierfür gab es in letzter Zeit wundervolle Beispiele, etwa hier. Auch müssen sich Autor/innen der Diskussion stellen, wenn sie eben eine Geschichte veröffentlichen und sie nicht als „Own Voices“ gelten. Sollten aber radikal alle Bücher vom Verkaufstisch verbannt werden, wenn es sich nicht um ein Own Voices Buch handelt? Mitnichten!

Wenn die Geschichte gut recherchiert ist und auch dadurch einen guten Einblick gewähren kann, dann habe ich persönlich mit dieser Thematik kein Problem. Und so verhält es sich auch bei American Dirt. Wenn auch Nicht-Own-Voices-Autor/innen den Lesern einen seriösen Zugang zu gewissen Thematiken eröffnen und somit vielleicht auch bei mehr Lesern das Interesse für diese wecken, dann habe ich da kein Problem damit. Wer Zweifel hat, dem sei das Nachwort der Autorin ans Herz gelegt, das für sich spricht.

Aber nun zur Buchbesprechung:

American Dirt weiß direkt auf der ersten Seite voll zu fesseln, steigt man doch mitten im Geschehen des grausamen Massakers an Lydias Familie ein. Dadurch, dass auf den ersten Seiten Lucas kindliche Perspektive gewählt wird, ist die Bedrohung durch die Sicarios noch intensiver und im krassen Gegensatz zur eigentlich stattfindenden Familienfeier umso surrealer.

Direkt durch die ersten Szenen wissen wir als Leser auch, was für eine rationale und umsichtige Frau Lydia ist, die in solch einer Situation nicht in Panik oder Hysterie verfällt, sondern mit kühlem Kopf das Geschehen einschätzt und die Dinge in die Hand nimmt.

Natürlich kann man einige Dinge als zu „glatt“ bezeichnen, etwa wenn Lydia in der Lage ist, trotz Schock und Verlust direkt alles notwendige zusammenzusuchen oder wenn sie und Luca im Grunde auf genug Geld für die Reise zurückgreifen können. Insofern sind sie im Hinblick auf die Situation der vielen Migranten sicher als privilegiert anzusehen.

Dennoch sind das für mich minimale Kritikpunkte, denn ihre Flucht vor den Kartellen ist für mich authentisch und spannend dargestellt. Lydias und Lucas Möglichkeiten sind begrenzt, und so müssen sie sich auf ihrem Weg nach Norden immer wieder neu orientieren und diversen Gefahren und Bedrohungen entgehen.

Durch die sich leise und fließend abwechselnden Erzählperspektiven, die hauptsächlich zwischen Lydia und Luca wechseln, erhält die Geschichte eine ganz eigene Dynamik. Es wird ein starker Gegensatz erzählt zwischen dem kindlichen Empfinden und dem erlebten Trauma von Luca sowie von Lydia, die für Luca Stärke, Hoffnung und Verlässlichkeit ausstrahlen muss. Durch einige Rückblenden wird die Geschichte vertieft und der Verlust von Lydia und Luca umso eindringlicher.

Ergänzt wird ihre Geschichte durch starke Nebencharaktere, die einem direkt ans Herz wachsen und die weitere Migrationsgeschichten aufgreifen und erzählen. Am Beispiel der Schwestern etwa werden weitere Fluchtgründe aufgezeigt sowie die Gräuel, die vor allem Frauen auf der Flucht wiederfahren. Diese Story ist ganz und gar nicht weichgespült!

American Dirt gehört sicher zu den spannendensten und emotionalsten, was ich jemals gelesen habe. Allein aufgrund des unglaublichen Sogs, das dieses Buch auslöst, würde ich es wirklich jedem empfehlen. Ich habe teilweise sogar von American Dirt geträumt und habe direkt nach Beenden des Buches das Bedürfnis, es zu rereaden. Eins der besten Bücher 2020!


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